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17. Dezember 2010
Bericht vom Kinotag "Me too – wer will schon normal sein?"

Der Kinotag am 30. Oktober 2010 in der Wied Scala in Neitersen war ein voller Erfolg. Die gemeinsame Kooperationsveranstaltung von der Wied Scala, dem HIBA e.V. und der Logopädiepraxis Monika Spanke, lockte viele Interessierte mit und ohne Down Syndrom ins Kino und war bis auf den letzten Sitzplatz ausgebucht. So mancher Besucher musste mit einem Klappstuhl vorlieb nehmen.

Zu Beginn der Veranstaltung interviewte eine Gruppe von vier jugendlichen Mädchen das Publikum mit der Frage “Sind Sie normal?“ Es war erstaunlich zu beobachten, dass diese Frage kaum jemand sicher mit Ja beantworten konnte oder wollte. Viele fanden es auch völlig in Ordnung nicht normal zu sein.
Auf der Bühne angekommen stellten die vier Jugendlichen dem Publikum das Gedicht „Normal“ vor. Spätestens jetzt wurde klar, „dass jeder etwas zu viel und jeder etwas zu wenig ist“ und dass das ganz normal ist.

Dem HIBA e.V. war es ein großes Anliegen, dass diese Veranstaltung einen inklusiven Charakter hatte. Es sollte an diesem Nachmittag auf keinen Fall so sein, dass Menschen ohne Behinderung über Menschen mit Behinderung Vorträge halten.

Martin Weser

Die folgende Dichterlesung von Martin Weser lieferte einen wichtigen Beitrag dazu. Herr Weser gehört dem “Ohrenkuss-Team” an. Ohrenkuss? da rein, da raus, ist ein Magazin, in dem fast alle Texte von Menschen mit Down Syndrom erstellt werden. Viele schreiben selbst per Hand, mit Schreibmaschine oder auf dem Computer, manchmal diktieren sie auch. So wie es für sie am leichtesten ist. Definition für Ohrenkuss: Wenn etwas, was man sieht oder hört nicht sofort wieder von einem Ohr zum anderen Ohr hinausgeht, sondern wichtig ist und im Kopf bleibt – das ist dann ein Ohrenkuss.
Auch Martin Weser schreibt in Ohrenkuss, über, dass was ihn bewegt, verleiht seinen Gefühlen Worte und teilte an diesem Nachmittag seine Sicht der Welt, einem gespannt lauschendem Publikum vor. Nach dem Applaus zu urteilen, hat Martin Weser seinem Publikum viele Ohrenküsse verpasst.

Glücksgedicht

Danach war es Zeit für einen Fachvortrag zum Thema „Glück“.
Hier konnten wir zwei ausgezeichnete Referentinnen gewinnen, die sich schon in der Vergangenheit intensiv mit diesem Thema beschäftigt haben. Frau Monika Spanke und Theresa Kronbach. stellten dem Publikum ihr Glücksgedicht vor. Sie bezogen ihre Zuschauer mit in ihren Vortrag ein, indem sie die Bühne verließen und mit einem Mikrofon bewaffnet, vielen Gästen immer wieder die gleiche Frage stellten: „Was ist dein Glück?“ Die Antworten fielen sehr vielfältig aus. Für den einen bedeutet Glück eine Familie zu haben und für den anderen ist es ein schöner Waldspaziergang oder dass der FC Köln an diesem Samstag einmal nicht verliert.

Der Film Me Too – Wer will schon normal sein? zeigte dann den Zuschauern ganz ohne Mitleids- und Betroffenheitsmine, wie wunderbar frech und „normal“ von den Liebesnöten von Menschen mit Behinderung erzählt werden kann.
Der Film erzählt berührend und humorvoll die Geschichte von Daniel (Pablo Pineda), der das Down-Syndrom hat und sich in seine nicht behinderte Kollegin Laura (Lola Dueñas) verliebt. Ein schwungvolles, mit feinem Humor gezeichnetes Liebesdrama zwischen einem Mann mit Down -Syndrom und seiner „normalen“ Arbeitskollegin.
Daniel hat einiges zu bieten, was ihn zu einem begehrenswerten Menschen macht. Nur dass diese Geschichte aller Beschwingtheit zum Trotz, nichts märchenhaftes hat, sondern auf einem wahren Kern basiert. Es sind die Einsamkeit und ihr Sinn für Humor, die diese beiden Menschen miteinander teilen.Warum sich ausgerechnet dieser Mann mit dem Down Syndrom an eine allseits begehrte und äußerst attraktive Blondine herantraut, weiß niemand so recht. Welche Chancen soll Daniel überhaupt haben, der mit einem Chromosom zu viel auf die Welt gekommen ist und dadurch von der Normalität ausgesperrt wird? In einer ergreifenden Szene fragt die seelisch ramponierte Außenseiterin, die raus will aus der beengenden Normalität “warum gerade ich?”
Seine Antwort sagt alles: “Weil du mir das Gefühl gibst, normal zu sein”.
Warmherzigkeit, Ehrlichkeit und tiefe Menschlichkeit und Respekt zeichnen diese spanische Produktion aus, die zwischen befreiendem Lachen und leiser Traurigkeit die richtige Balance findet und die Frage was ist schon normal auf sehr unkonventionelle und bewegende Weise beantwortet. Der Film zeigte auf, wie man Vorurteile abbauen und zu einer inklusiven Gesellschaft beitragen kann, in der die Grenzen zwischen behindert und nicht behindert verschwimmen.

Im Anschluss an den Film fand noch ein reger Austausch unter den Zuschauern statt. Eine Mutter von einem 10 -jährigen Sohn mit Down-Syndrom sagte, der Film habe sie zum Weinen und zum Lachen gebracht. Eine weitere Mutter berichtete, sie habe sich in dem Film als Mutter von Daniel oft wiedererkannt. Auch sie habe in der Erziehung ihres jetzt erwachsenen Sohnes sehr viel Wert darauf gelegt, dass er so normal wie möglich aufwächst. Allerdings fehlten in Deutschland oft noch die Voraussetzungen, dass ein Kind mit Behinderung in der Mitte der Gesellschaft aufwachsenden kann. Immer noch sei es normal, dass Eltern von Kindern mit Behinderung kämpfen müssen, damit sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Das HIBA-Team würde sich freuen, wenn auch in Zukunft weitere gemeinsame Veranstaltungen zu diesem oder zu anderen Themen in der Wied Scala stattfinden könnten.
Wir hoffen, dass unser Kinotag alle Besucher ermutigt hat, sich auch weiterhin für eine willkommenheißende Gesellschaft einzusetzen, in der es unnormal ist Menschen mit Behinderung auszugrenzen.

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